Am Montag war der Kalender leer. Das war eine Tatsache. Eine Erklärung war es noch nicht.
Ich habe ihn trotzdem angeschaut, den Kalender. Nicht aus Gewohnheit, sage ich, obwohl es natürlich die Gewohnheit ist. Viele Jahre, und die meisten davon mit Terminen auf der Vorderseite und Notizen auf der Rückseite: Die Hand kennt die Bewegung. Sie fährt an den Rand, als ob da ein Stift zu sein hätte. Der Stift lag daneben. Er wurde nicht gebraucht.
Die Hand sucht eine Aufgabe
Was ich an diesem Vormittag beobachtet habe, ist am ehesten so zu beschreiben: Der Körper sucht die Aufgabe weiter, auch wenn die Aufgaben aufgehört haben. Ich habe die Brille abgelegt und wieder aufgesetzt. Ich habe die Küche aufgeräumt, obwohl sie aufgeräumt war. Ich habe zweimal nachgeschaut, ob unten an der Tür irgendetwas anliegt. Nichts lag an. Kein Brief, keine Rechnung, kein Zettel von jemand, der vorbeikommen wollte, weil eine Sache zu prüfen war.
Das Dicke an so einem leeren Tag ist nicht, dass er lang wird. Das Dicke ist, dass er ohne Raster da ist. Früher hat die Uhr im Kopf gerufen: neun Uhr, Auftrag, elf Uhr Vorbereitung, Mittag, Nachmittag, Rückruf. Heute ruft nichts. Dafür spricht der Zeiger nicht mehr mit, und die linke Hand hält Ausschau nach einem Klemmbrett, das seit Monaten nicht mehr in der Wohnung gebraucht wurde. Ich nenne das keine Unruhe, sondern Umstellung. Die Unterscheidung klingt sehr klein. Sie entscheidet aber darüber, ob man den Vormittag als Mangel oder als Ausstattung liest.
Das ist der Moment, in dem ich früher angefangen hätte, einen Grund zu suchen. Leere sei ein Verdacht. Fehlende Struktur sei ein Defekt. Wie ein Riss, der sich noch nicht erklärt hat, muss auch ein Montag ohne Eintrag irgendwo herkommen. Der Befund-Instinkt hat ja etwas für sich: Er ist wachsam, und er nimmt Veränderungen früh wahr. Nur kennt er keinen Modus für die Frage, ob etwas eine Veränderung ist oder bloß die normale Ruhe eines Menschen, der endlich nichts mehr zu richten hat.
Ich habe mir den Verdacht dann verbeten. Ein leerer Kalender ist noch kein Befund. Er zeigt schlicht das Ergebnis einer Entscheidung, die irgendwann getroffen wurde, und die meisten Entscheidungen dieser Art haben kein Protokoll.
Ein selbstgewählter Ablauf
Ich habe mir dann eine kleine Sache vorgenommen, die ich mir schon länger vorgenommen hatte: die Schublade im Flur. Nicht, weil sie klemmte, sondern weil seit längerem ein Zettel darin steckte, der zusammengefaltet war und den ich nie wieder angefangen habe zu lesen.
Ich habe den Zettel herausgenommen, glattgestrichen und angeschaut. Ein Notizzettel von mir, mit einem Wort: vermessen. Mehr nicht. Ich habe ihn zurückgelegt und die Schublade zugezogen. Damit war der Vormittag ehrlich gefüllt. Kein Termin, kein Ergebnis, kein Foto davon. Nur ein Zettel, der wieder da war, wo er hingehört.
Das Gefühl zu dieser Sache war übrigens ordentlich und zugleich reizvoll: Die Schublade funktioniert, auch wenn ihr Inhalt noch nicht geklärt ist. Diesen Satz hätte ich in einem Gutachten nie geschrieben. Dabei klingt er nach einem ganz brauchbaren Zustand.
Ruhe oder Leere?
Ich kann die beiden nicht zuverlässig auseinanderhalten, und ich halte das für keinen Mangel. Ruhe hat einen Puls: Es ist etwas da, das nicht laut werden muss. Leere macht etwas anderes: Sie zieht die Aufmerksamkeit an und lässt sie an der scheinbar wichtigsten Stelle nichts finden. Beides kann sich wie der gleiche Montag anfühlen, wenn man nicht genau hinschaut.
Vielleicht ist genau das die Arbeit, die mir geblieben ist. Nicht die Fuge, sondern die Frage, ob ein Tag voll ist, weil er gelebt wurde, oder nur, weil man ihn nicht angesehen hat. Ich habe keine definitive Antwort. Für heute reicht mir der Befund: Der Kalender war leer, und ich saß trotzdem kurz in einer Antrittsbesprechung mit mir selbst.
Über den letzten Arbeitstag und das, was er bedeutet, schreibt ich ausführlicher in Der Ruhestand ist kein Gutachten. Wer mich und dieses Journal kennenlernen möchte, findet mehr auf Über mich.


