Der letzte Auftrag endet auf dem Papier schneller als im Kopf. Ein Datum lässt sich eintragen. Was danach fehlt, hat zunächst keine Zeile.
Ich habe den letzten Arbeitstag kurz halten können, das war mein Wunsch. Kein großer Abschied, keine Rede, nichts, was man hätte fotografieren müssen. Danach war ich aus dem System raus, in dem ich viele Jahre lang Beobachtung, Zahl und Schlussfolgerung zu einem Ergebnis zusammengefügt hatte. Ich sage bewusst nicht: viele Jahre, in denen ich etwas fertiggebracht habe. Bilanzieren ist eine Gewohnheit, keine Wahrheit.
Ein Datum ist kein Befund
An einem Befund ist mir immer wichtig gewesen, was er nicht sagen darf. Ein Riss zeigt eine Trennung, kein Urteil über das Haus. Ein feuchter Rand sagt etwas über eine Feuchtigkeitsquelle, nichts über die Trockenheit eines Lebens. Wer lange genug Gutachten liest, findet diese Trennung überall. Im Ruhestand hat sie angefangen, auf mich zu zeigen. Da stand mein eigenes Datum: Ruhestand seit dem. Das war ein Fakt. Der Rest war Vermutung.
Ein Befund ohne Maß ist freilich auch kein Befund. Ich kann nicht sagen, dass mir die Arbeit fehlt, und ich kann nicht sagen, dass mir nichts fehlt. Unscharfe Aussagen sind mir ein Gräuel. Wenn ich eine Vermutung hätte, ich hätte sie ordentlich formuliert. Also fange ich anders an: Es ist ruhiger geworden, und die Ruhe hat noch keine Kanten.
Der Blick ohne Auftrag
Was geblieben ist, ist der Blick. Ich sehe weiterhin, wie eine Tür um drei Millimeter streift, oder wie sich eine Fuge verändert hat. Früher war das ein Anlass, den Zollstock zu holen. Heute stehe ich manchmal einen Moment da und schaue. Mehr passiert nicht. Und das ist der eigentliche Unterschied: Eine Beobachtung ohne Auftrag hat kein Ergebnis, auf das sie zulaufen muss. Sie darf stehen bleiben, wo sie steht.
Ich habe geübt, damit zu leben. Wenn ich heute ein Detail bemerke, das nicht stimmen will, halte ich inne, statt zu messen. Längst nicht alles, was schief steht, braucht einen Vermesser. Manches gehört nur zu einem Raum, in dem gelebt wird. Und um ehrlich zu sein: Mir fehlt das Ergebnis heute weniger, als ich gedacht hätte. Manchmal überrascht mich, was sich ohne Auftrag einstellt: Ich lese anders, ich höre Gesprächen anders zu, ich lasse Sätze zu Ende laufen, die ich früher abgeschlossen hätte, weil die Zeit knapp war.
Das Wort Gutachten
Es lohnt sich, einen Moment bei dem Wort zu bleiben. Ein Gutachten ist ein Urteil, und ein Urteil setzt etwas voraus, was schon passiert ist. Ich habe geschaut, was da ist, und dann gesagt, was es zu bedeuten hat. Der Ruhestand dreht die Richtung um. Jetzt ist nichts passiert, was man begutachten könnte. Jetzt passiert es gerade, und zwar ohne Skala.
Der Unterschied ist größer, als er sich anhört. Wer vorwärts lebt, ohne die nächste Zeile zu kennen, dem fehlt die bequeme Gewissheit, dass die aktuelle Lage eine Übergangslage ist, die irgendwann abgeschlossen wird. Ein Gutachten gibt es eben nur nach dem Ende. Bis dahin ist alles Laufende: das Jahr, die Frage, das Stillschweigen am Morgen, die Entscheidung, ob ich zum Markt gehe. Ich könnte natürlich ein Gutachten über mich in Auftrag geben, um zu wissen, wie ich dastehe. Ich habe es mir lieber erspart. Ich kenne genug Gutachten über Häuser, um zu wissen, dass das Ergebnis den Zustand nicht verbessert.
Vorher habe ich so etwas kaum bemerkt, weil es nicht aufschreibbar war. Ein Gutachten braucht keine Stimmung, nur Sichtbares. Jetzt schreibe ich das Aufschreibbare nicht mehr, ich lasse es unaufgeschrieben laufen. Das klingt weicher, als es sich anfühlt. Es ist eine Umstellung wie jede andere: Man braucht eine Weile, bis die alte Gewohnheit nicht mehr im Handgelenk sitzt.
Was Zahlen nicht aufnehmen
Eine Messung ist keine Aussage über ein Leben. Ich weiß das aus den Jahren, in denen ich Zahlen geliefert habe. Eine Millimeterangabe hat noch keinem Menschen erzählt, was sein Haus für ihn bedeutet. Trotzdem neige ich dazu, alles zu quantifizieren, was feststeht. Im Ruhestand habe ich mich dabei ertappt, wie ich etwas sagen wollte wie: Der Ruhestand ist siebzig Prozent besser als erwartet.
Siebzig Prozent wovon? Wie misst man Erwartung? Die Antwort ist: gar nicht. Und trotzdem ist der Drang da. Er gehört zu meinem Gewerbe. Ich habe aber beschlossen, ihn nicht mehr zum Richter zu machen. Eine Zahl darf ein Anhaltspunkt bleiben, zum Beispiel beim klemmenden Fenster oder beim Knacken des Geländers. Für die Frage, wie ein Mensch mit Veränderung umgeht, taugt sie nicht. Dafür gibt es keine Skala, die ich als gut ausgebildet bezeichnen würde.
Auch die üblichen Fragen, die man sich so stellt, sind für Zahlen gebaut und trotzdem keine. „Wie geht es dir?“ ist keine Messung. Es ist ein Fenster, das jemand öffnet. Ich habe gemerkt, wie oft ich die Floskel verwendet habe, um selbst nicht antworten zu müssen. Genau dort beginnt die andere Art von Schaden, von der wir alle wissen, dass sie nicht mit dem Zollstock geprüft werden kann.
Eine brauchbare nächste Frage
Wenn ich auf die Jahre der Begutachtung schaue, war das Beste daran selten die Antwort. Das Beste war meist eine gute Frage zur richtigen Zeit: Wo genau beginnt der Schaden? Wie lange schon? Was hat sich zuerst verändert? Mit der richtigen Frage liegt ein Fall wie ein aufgeschlagenes Buch da. Danach braucht es nur noch Sorgfalt beim Schreiben.
Im Ruhestand stelle ich mir die Fragen jetzt selbst. Ich will damit nicht sagen, dass ich leichter antworte. Aber die Fragen sind besser geworden, weil sie niemand gestellt haben und weil niemand eine Antwort erwartet. Vielleicht ist das die Gewohnheit, die ich aus der Arbeit mitgenommen habe: Ich frage lieber zu viel als zu früh zu schließen. Einige Antworten laufen mit der Zeit ein. Die anderen verschiebe ich auf morgen, und morgen ist kein Arbeitstag.
Damit ist die Richtung für dieses Journal gesetzt. Ich schreibe nicht, um am Ende zu wissen, was Sache ist. Ich schreibe, um zu sehen, was ich gerade tue, und um die Fragen sauber zu halten. Eine brauchbare nächste Frage ist deshalb für mich das Gegenstück zur fertigen Antwort. Sie lässt sich nicht einrahmen, sie hat keinen Adressaten, und sie läuft nicht ab. Das klingt nach einem Nachteil. Es ist aber genau die Sorte Gewissheit, die man mit in den Ruhestand nehmen kann: Man darf weiter fragen, solange man lebt, und niemandem gehört die Antwort.
Wer mehr über die ersten Monate ohne Termine lesen möchte, findet daneben eine Notiz über einen leeren Kalender: Ein leerer Kalender ist noch kein Befund. Und wer wissen will, was nach dem letzten Arbeitstag überhaupt beginnt, kann die Beschreibung des Übergangs lesen. Auf Über mich steht, warum ich das schreibe und was dieses Journal nicht sein will.



